Wie im MärchenRiesen und Zwerge
Bevor wir jedoch die trickreichsten Verführerinnen kennenlernen, sind wir zunächst vom Mammutbaumwald beeindruckt. Für die Baumgiganten haben wir heute allerdings kein Auge. Wir begeben uns wieder auf Orchideenjagd und werden im lichten Maserbirkenwald fündig. Sichtung Nummer sechs ist der Violette Dingel. Eine seltene Orchidee, die kein Blattgrün ausbildet und deshalb ein Dasein als Schmarotzer fristet.
Sexualkunde auf Pflanzenart
Endlich entdecken wir die eigentlichen Stars des Tages: die Ragwurzen. Bienen- oder Hummelragwurz? Das ist hier die Frage. Wir sichten beide. Zum Glück steht uns die Spezialistin zur Seite: „Die Hummelragwurz hat Pausbacken mit einem grünen Zipfelchen darunter.“ Im Liliental gibt es vier Ragwurzarten: die Hummel-, Bienen-, Fliegen- und Spinnenragwurz. Sie alle sind sogenannte Sexualtäuschblumen. Ihre Blüten sehen Insekten täuschend ähnlich. Damit locken sie Insektenmännchen an, die vor den Weibchen schlüpfen. Liebestoll umherfliegend, stoßen sie auf ihr vermeintlich weibliches Pendant und lassen sich nieder. Doch es ist nicht nur der visuelle Betrug, selbst Duft und Haptik passen. Die Männchen werden auch mit Pheromonen, den Sexualduftstoffen, angelockt. Diese entsprechen zu 99 Prozent denen ihrer Weibchen. Weil sich das Haarige schließlich auch wie das begehrte Gegenstück anfühlt, ist der Trick perfekt. Die Blüten haben Pollenpakete, die am Insekt kleben bleiben. Das kann auch einmal das Auge sein. „Sie bekommen Hörner aufgesetzt“, sagt Heim. Im wahrsten Sinne des Wortes. Solange das Insekt lebt, lösen sie sich nicht mehr ab. Damit bestäubt der Gehörnte die nächste Orchidee.
Geheimnis im Verborgenen
Jetzt geht es Schlag auf Schlag: Orchidee Nummer neun und zehn tauchen auf. Es sind die duftende Waldhyazinthe und das Rote Waldvögelein. Keine Orchidee, aber dennoch wunderschön und selten, ist der Ackerwachtelweizen, an dem sich gerade eine dicke Hummel labt. Orchidee Nummer elf ist eine fast verblühte Purpur-Orchis. Apropos Orchis. Einen wichtigen Aspekt erfahren wir zum Schluss. Und es bleibt im Bereich der Aufklärung. „Orchis“ leitet sich vom griechischen Wort für Hoden ab und verweist auf die paarigen Knollen dieser Erdorchideen. Die Ähnlichkeit mit denen der menschlichen Art ist tatsächlich frappierend. Daher kommt auch der deutsche Name Knabenkraut, den mehrere heimische Orchideenarten tragen.
Die beste Zeit für die Orchideenjagd
Die Orchideen im Liliental blühen von Anfang April bis Juli. Die meisten Arten findest du von Ende Mai bis Juni.
Orchideen verdienen unseren Schutz
Bis eine Orchidee das erste Mal blüht, vergehen zehn bis zwölf Jahre. Darum sollte man nicht in Wiesen hineingehen, wo Orchideen wachsen. Wenn man auf die kleinen Pflänzchen tritt, sind sie zerstört. Ausgraben und Pflücken sind natürlich ebenfalls tabu. Viele Arten sind gefährdet oder sogar vom Aussterben bedroht und stehen deshalb unter Naturschutz. Wir wollen sie bewahren, die kostbaren, trickreichen Wesen.