Flöten aus Mammutelfenbein und Vogelknochen
Melodien aus einer anderen Welt
Ein heller, zarter Ton durchdringt den Raum bis in ihren letzten Winkel. Andächtig lauschen die Besucherinnen und Besucher der Melodie, die der eindrucksvollen Höhle nochmal einen ganz besonderen Zauber verleiht. Dabei traut man dem zierlichen Instrument, auf dem Gabriele Dalferth spielt, eine solche Lautstärke gar nicht zu: Ihre Flöte ist gerade mal um die 20 Zentimeter lang und hat einen sehr kleinen Durchmesser – und ist ein Nachbau aus der Steinzeit, als die Menschen solche Instrumente aus Knochen und Mammutelfenbein geschnitzt haben. Erstaunlich, dass die Musikerin damit den ganzen Hohle Fels, wie die Höhle bei Schelklingen heißt, zum Klingen bringt.
Die ehemalige Grundschullehrerin aus Königsbronn hat das Flötenspiel an der Musikschule unterrichtet. Fasziniert von den archäologischen Funden in ihrer Heimat hat sie außerdem eine Ausbildung der Universität Tübingen zum Archäoguide gemacht. Nachdem 2006 ein nur vier Zentimeter großes Mammut aus Elfenbein in der Vogelherdhöhle entdeckt wurde, sollte sie zu seiner feierlichen Präsentation auf der Flöte spielen. Ihr übliches Instrument fand sie nicht passend für diesen Anlass – und sie begann, sich mit dem musikalischen Erbe der Steinzeit zu beschäftigen. Heute sind ihre „Klänge aus der Urgeschichte“ in vielen Museen gefragt. Auch im Hohle Fels im Achtal hat sie schon häufiger gespielt.
Durch einen schmalen Tunnel gelangt man hinein in den Hohle Fels, eine der größten Hallenhöhlen der Schwäbischen Alb. Ihre Grundfläche entspricht etwa zwei Tennisplätzen. Mit ihren 30 Metern Höhe vermittelt sie den Eindruck, in einer spärlich beleuchteten Kathedrale zu stehen. Das künstliche Licht sorgt auf den bucklig-höckerigen Wänden für ein faszinierendes Schattenspiel. Auf der gegenüberliegenden Seite steigt der Boden steil auf. Gabriele Dalferth, gekleidet in Felljacke und -schuhe und mit Lederbändern im Haar, steht oben wie auf einem Balkon und spielt. Noten sind natürlich keine überliefert, da lässt sie ihrer Fantasie freien Lauf. Wo Informationen gesichert sind, hält sie sich aber daran. Etwa bei ihren Flötenrepliken, die sie alle erst einmal mit den Mitteln der damaligen Zeit nachgebaut hat. „Mit Feuersteinklingen haben die Menschen die Löcher geschabt“, erklärt sie und dreht das Instrument in ihrer Hand. Es ist der Nachbau einer Flöte, auf die ein Ausgrabungsteam 2006 im Hohle Fels gestoßen ist. Ein Instrument mit fünf Fingerlöchern, gefertigt aus Knochen, der Speiche eines Gänsegeiers.